2013 wird ein schwarzes Jahr für die Anbieter von SEO-Tools. Im besten Fall werden Sistrix, SEOlytics, Searchmetrics & Co demnächst eine freundliche Aufforderung von Google erhalten, ihren Service mit sofortiger Wirkung einzustellen. Im schlechtesten Fall schwingt Google die juristische Keule und verklagt die Anbieter auf Schadensersatz.

Google geht gegen Anbieter von SEO-Tools vor

Hintergrund: Das Geschäftsmodell der genannten Anbieter besteht im Wesentlichen darin, massenhaft Daten ohne Genehmigung von Google abzugreifen und die so gewonnene Datensammlung zahlenden Kunden zur Auswertung zur Verfügung zu stellen. Dadurch fügen sie Google nicht nur einen Schaden in Millionenhöhe zu, sondern befeuern auch die von Google ungeliebte Branche der Suchmaschinenoptimierer. Im vergangenen Jahr hat Google mit seinen Panda- und Penguin-Updates alles daran gesetzt, Suchmaschinenoptimierern die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Nun häufen sich die Anzeichen, dass als nächstes die Anbieter von SEO-Tools im Visier stehen.

Verstoß gegen Googles Nutzungsbedingungen

Bereits beim Start der Sistrix SEO-Toolbox vor vier Jahren war mein erster Gedanke: Mutig, sich so offen mit Google anzulegen. Denn Google versucht nicht nur, automatische Abfragen seiner Suchmaschine mit technischen Mitteln zu unterbinden, sondern verbietet diese auch klar in seinen Nutzungsbedingungen. Damals hieß es noch:

You specifically agree not to access (or attempt to access) any of the Services through any automated means (including use of scripts or web crawlers) and shall ensure that you comply with the instructions set out in any robots.txt file present on the Services.

Heute findet sich der etwas allgemeinere Hinweis:

Verwenden Sie unsere Dienste nicht in missbräuchlicher Art und Weise. Sie sind beispielsweise nicht berechtigt (...) in anderer Weise als über die von Google bereitgestellte Benutzeroberfläche und gemäß unseren Vorgaben auf die Dienste zuzugreifen.

Die automatische Abfrage wird also von Google ausdrücklich nicht gewünscht. Genau das tun jedoch Anbieter wie Sistrix, SEOlytics, Searchmetrics und alle anderen, die gerade auf den SEO-Tool-Hype aufspringen.

Millionenschaden für Google

Zwar ist durchaus strittig, ob Nutzungsbedingungen auf Webseiten im Allgemeinen rechtlich bindend sind. Allerdings fügen automatische Abfragen Google ohne Frage einen technischen und wirtschaftlichen Schaden zu:

  • Die regelmäßige automatische Abfrage mehrerer Millionen Suchergebnisseiten kostet Google enorme Ressourcen, ohne dass dem wie bei der Google-Nutzung durch menschliche Nutzer entsprechende Werbeeinnahmen gegenüberstehen.
  • Da die Toolanbieter die automatischen Abfragen wie menschliche Zugriffe aussehen lassen, manipulieren sie damit auch die Such-Statistiken, die Google zur Verbesserung seiner Algorithmen auswertet.
  • Aus demselben Grund erhalten auch Googles Werbekunden verfälschte Daten, z. B. für die Anzahl der Impressions und die Click-Through-Rate.

Allein die Kosten für die Ressourcen (Strom, Server), die Google durch die automatisierten Abfragen entstehen, dürften in die Millionen gehen. Rechenbeispiel: Microsoft verlangt für die automatisierte Abfrage seiner Suchmaschine in der günstigsten Variante 0,0015306 Euro pro Suchanfrage. Sistrix wertet nach eigenen Angaben wöchentlich 1 Mio "Shorthead"-Keywords und monatlich 10 Mio "Longtail"-Keywords aus. Dabei werden jeweils die ersten 10 Ergebnisseiten ausgewertet, d. h. es entstehen 10 Abfragen pro Keyword.

(1.000.000 * 10 * 52 + 10.000.000 * 10 * 12) * 0,0015306 € = 2.632.632 €

Würde Sistrix für die Google-Abfragen bezahlen, würde das zu Kosten in Millionenhöhe führen. Tatsächlich dürfte die Zahl der Suchanfragen sogar noch höher sein, da Sistrix mittlerweile in 8 Sprachen verfügbar ist. Searchmetrics wirbt übrigens mit "mehr als 100 Mio. Keywords", was der Rechnung noch eine Null mehr beschert.

Rechtliche Handhabe seitens Google

In der Folge hat Google zumindest in Deutschland und den meisten anderen westlichen Ländern ohne Frage eine rechtliche Handhabe gegen Anbieter, die ihr Geld mit Daten verdienen, die sie ohne Googles Einverständnis und unter Inkaufnahme eines erheblichen Schadens von Googles Suchmaschine abgreifen.

In der kommerziellen Vermarktung der Daten besteht auch der wesentliche Unterschied zu Tools wie AdvancedWebRanking, bei denen der Anbieter lediglich die Software verkauft, mit der die Anwender dann die Ranking-Daten selbst von Google abrufen. Diese Tools gibt es, seit es Suchmaschinen gibt und Google dürfte kaum ein Interesse daran haben, sich mit den Anwendern der Tools anzulegen (von denen ein großer Teil vermutlich gleichzeitig Kunde von Google AdWords ist).

Google geht zum Angriff über

Bei den Toolanbietern, die den Zugriff auf die von Google gescrapten Ranking-Daten gegen eine monatliche Gebühr vermieten, dürfte das anders aussehen. Während Google in den letzten Jahren hier scheinbar untätig zugesehen hat, wie einzelne Anbieter ein gutes Geschäft mit Googles Daten machen, häufen sich nun die Anzeichen, dass Google dem ein Ende bereiten wird:

Anfang des Jahres hat Google unter dem Vorwand des Datenschutzes für alle Nutzer der SSL-gesicherten Suche (https) das Keyword aus dem Referrer entfernt. Webseitenbetreiber erhalten damit keine Informationen mehr darüber, über welche Suchbegriffe ihre Seite gefunden wurde. Die Intention dahinter dürfte es sein, alle Seitenbetreiber zur Nutzung der Google Webmaster Tools zu zwingen, wo sie zwar ähnliche, aber weniger exakte Keyword-Daten einsehen können.

Bereits vorher hat Google den API-Zugriff auf das Google Keyword-Tool für einen Großteil der Nutzer gesperrt. In einer knappen E-Mail teilte das Unternehmen seinen (zahlenden) Kunden damals mit: "we are disapproving tokens used primarily used for Keyword Research". Im Klartext heißt das: Keine Keyword-Daten für Suchmaschinenoptimierer.

Gleichzeitig stellt Google immer mehr kostenlose Dienste ein oder macht sie kostenpflichtig, wie zuletzt Maps und Apps. Google spart dadurch Kosten und erhöht die Einnahmen.

Nicht zuletzt hat Google das Jahr 2012 mit seinen Panda- und Penguin-Updates und hunderttausenden Warn-E-Mails an Webmaster dem Kampf gegen die SEO-Branche gewidmet.

Letzte Woche stellte Google schließlich die Toolanbieter Raven und SEOmoz vor die Wahl, entweder auf das Google Scraping (= die automatisierten Google-Abfragen) oder die offiziellen Google Keyword-Daten zu verzichten. (Interessanterweise hat sich Raven für erstere und SEOmoz für letztere Option entschieden.)

Update: Der Toolanbieter Ahrefs ist ebenfalls betroffen. (Danke an Markus!)

Rand Fishkin, der mit SEOmoz mittlerweile das Google-Scraping als Dienstleistung anbietet, hat übrigens 2006 noch geschrieben:

I'm seriously concerned about charging for data that's obtained outside TOS (Übersetzung: Ich habe ernsthafte Bedenken, für Daten Geld zu verlangen, die unter Missachtung von [Googles] Nutzungsbedingungen abgerufen werden.)

Das Problem ist also bekannt, wird aber von der gesamten SEO-Tool-Branche hartnäckig ignoriert. Das dürfte nicht mehr lange gutgehen. Patrick E. Keeble, Gründer von Raven, der letzte Woche von Google aufgefordert wurde, das Scraping zu unterlassen, schreibt:

Google seems to be universally enforcing its terms of service regarding scraped Google data (Übersetzung: Google scheint seine Nutzungsbedingungen bezüglich automatisierter Google-Abfragen überall durchzusetzen.)

Das Ende einer ganzen Branche

2013 wird ein schwarzes Jahr für die Anbieter von SEO-Tools (und deren Nutzer): Im besten Fall werden Sistrix, SEOlytics, Searchmetrics & Co demnächst eine freundliche Aufforderung von Google erhalten, ihren Service mit sofortiger Wirkung einzustellen. Im schlechtesten Fall schwingt Google die juristische Keule und verklagt die Anbieter auf Schadensersatz. Der Schaden, der Google durch jahrelanges automatisiertes Abfragen mehrerer Millionen Keywords pro Woche entstanden ist, dürfte die damit erzielten Gewinne der Toolanbieter aufzehren und eine ganze Branche in die Insolvenz treiben.

Update: Wie Stefan Köhn berichtet, haben Sistrix und SEOlytics aktuell Probleme mit ihren Tools. (Update: Bzgl. Sistrix nimmt Stefan die Angaben zurück. Die Information über verzögerte Auslieferung der Daten bei Sistrix stammt offenbar nicht aus gesicherter Quelle und wird von Sistrix dementiert.)

Update des Updates: Johannes Beus (Sistrix) hat mich gerade per Mail kontaktiert. Seinen Angaben zufolge gab und gibt es bei Sistrix keine Probleme.

Update: Auch Marcus Tober von Searchmetrics sieht laut Golem.de keine Probleme für sein Unternehmen.

Update: Maik Benske von XOVI hat mir ebenfalls per Mail ein kurzes Statement zukommen lassen. Er sieht für XOVI ebenfalls keine Probleme und beweist in einem Blogbeitrag Humor.

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